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Ein futuristisches Manifest
1913 veröffentlichte der italienische Futurist Luigi Russolo das musikalische Manifest "L'arte dei
rumori" (Die Geräuschkunst). Ausgehend von dem Geräuschpegel
moderner Großstädte und Maschinen, setzte er sich mit der Behandlung
von Geräuschen in der Musik auseinander. Zudem entwickelte er diverse Instrumente zur Geräuscherzeugung.
Milano 1916
In der Übersetzung von Justin Winkler und Albert Mayr
Akroama, The Soundscape Newsletter Europe Editions, Basel 1999
ISBN 3-9520335-3-7
Auszug:
Lieber Balilla Pratella, grossartiger futuristischer Musiker,
In Rom, im übervollen Teatro Costanzi, während ich mit meinen futuristischen Freunden Marinetti, Boccioni, Balla die Orchesteraufführung Deiner umwälzenden FUTURISTISCHEN MUSIK hörte, kam mir die Idee zu einer neuen Kunst: die Geräuschkunst, logische Weiterführung Deiner wunderbaren Neuerungen.
Das Leben von früher war nichts als Stille. Im neunzehnten Jahrhundert, mit der Erfindung der Maschinen, entstand das Geräusch. Heute triumphiert das Geräusch und beherrscht uneingeschränkt die Empfindung der Menschen. Durch viele Jahrhunderte hat sich das Leben in der Stille abgespielt oder war zumeist leise. Die lautesten Geräusche, die diese Stille brachen, waren weder stark, noch von Dauer, noch verschiedenartig. Denn, wenn wir von den aussergewöhnlichen tellurischen Bewegungen der Erdkruste, den Orkanen, den Stürmen, den Lawinen und den Wasserfällen absehen, ist die Natur still.
In dieser Spärlichkeit der Geräusche riefen die ersten Töne, die der Mensch aus einem hohlen Rohr oder einer gespannten Saite hervorbringenkonnte, als neue und wunderbare Dinge Erstaunen hervor. Der Ton wurde von den primitiven Völkern den Göttern zugeschrieben, als heilig betrachtet und den Priestern vorbehalten, die sich seiner bedienten, um ihre Rituale mit Geheimnis anzureichern. Auf diese Weise entstand die Auffassung vom Tonals von etwas Selbständigem, vom Leben Unterschiedenem und Unabhängigem, und daraus ergab sich die Musik, eine fantastische Welt, die der realen aufgesetzt ist, eine unantastbare und heilige Welt. Man begreift leicht, wie eine solche Auffassung von Musik notwendigerweise deren Fortschritt im Vergleich mit den anderen Künsten hemmen musste. Die Griechen selbst, mit ihrer von Pythagoras mathematisch geordneten Musiktheorie, auf Grund derer nur der Gebrauch weniger konsonanter Intervalle gestattet war, haben das Feld der Musik eng begrenzt und damit die ihnen ja unbekannte Harmonie verunmöglicht.
Das Mittelalter, mit den Entwicklungen und Abänderungen des griechischen Systems des Tetrachords, mit dem gregorianischen Gesang und den Volksliedern, hat die Kunst der Musik bereichert, fuhr aber fort, den Ton in seiner zeitlichen Entfaltung zu betrachten, eine beschränkte Auffassung, die einige Jahrhunderte überdauerte, und die wir noch in den kompliziertesten Polyphonien des flämischen Kontrapunkts finden. Den Akkord gab es nicht;die Entwicklung der verschiedenen Stimmen war nicht dem Akkord untergeordnet, den diese Teile in ihrer Gesamtheit hervorbringen konnten; letztlich war die Auffassung dieser Stimmen horizontal, nicht vertikal. Der Wunsch, das Streben nach der gleichzeitigen Verbindung der verschiedenenTöne, das heisst nach dem Akkord (dem komplexen Ton), und der Geschmack dafür, traten schrittweise auf, vom assonanten Dreiklang mitwenigen Durchgangsdissonanzen bis zu den komplizierten und anhaltenden Dissonanzen, die die zeitgenössische Musik charakterisieren.
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